Interview mit Pfarrer Ralf-Andreas Kliesch

Nachdem wir zum Ende der Sommerferien Michael Ebener interviewen konnten, stand jetzt kurz vor den Herbstferien das nächste Interview auf dem Programm. Nach den Interviews mit Matthias Köhler und Michael Ebener nämlich das mit Pfarrer Ralf-Andreas Kliesch. Viel Spaß beim Lesen! 🙂

1.Schön, dass wir nun auch mit Dir ein Interview führen können. Zum Einstieg eine wichtige Frage: Lieber Ralf oder lieber Ralf-Andreas?

„Ralf-Andreas“ ist zwar mein voller Vorname, mit Bindestrich. Und auf Zeugnissen in der Schule und auf Urkunden bestehe ich auch darauf. Aber im alltäglichen Umgang miteinander ist „Ralf“ einfach schneller und leichter: Also „Ralf“!

2. Gut, dann haben wir das schon mal geklärt, Ralf. Wo kommst Du denn ursprünglich her und was hast Du so gemacht, bevor Du in die Gemeinde Nümbrecht gekommen bist? Und wie lange bist Du jetzt eigentlich schon in Nümbrecht?

Geboren bin ich in Büttgen, dass heute zur Stadt Kaarst (zwischen Düsseldorf und Mönchengladbach am südliche Niederrhein gelegen) gehört. Im Ortsteil Holzbüttgen bin ich aufgewachsen, haben im Kaarster Albert-Einstein-Gymnasium Abitur gemacht.

Da es in der Kirchengemeinde damals keine bibelorientierte Jugendarbeit gab, haben sich einige Jugendliche selbst im Wohnzimmer bei uns zu Hause zum Bibellesen getroffen. Wir haben uns dann Hilfe bei einem jungen Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft gesucht, der uns vorschlug, ins Gemeindehaus umzuziehen. Dieser Jugendkreis hat sich dann dem EC angeschlossen und gut 10 Jahre bestanden.

Mein Weg führte mich dann ins Theologiestudium an die Kirchliche Hochschule in Wuppertal, dann an die Universität in Tübingen. Dort fand ich auch Platz im Albrecht-Bengel-Haus, das uns Theologiestudenten sehr gut auf unserem Weg durch das Studium begleitet hat.

1983 kehrte ich dann ins Rheinland zurück. Christina und ich haben geheiratet und wohnten in Wuppertal. Nach dem 1. kirchlichen Examen habe ich mein Vikariat und auch den Dienst als Pastor im Hilfsdienst – so hieß das damals (heute Pastor zur Anstellung) – in der Evangelischen Kirchengemeinde Wuppertal- Langerfeld absolviert. Nach meiner Ausbildung hat mich das Presbyterium dort zum Pfarrer gewählt und ich wurde Nachfolger meines Mentors. Langerfeld war sehr vom CVJM geprägt. Seit dem bin ich auch Mitglied im CVJM und habe den CVJM-Langerfeld 1 1/2 Jahre als 1.Vorsitzender geleitet – bis mich die Gemeinde Nümbrecht abgeworben hat. 1993 haben wir im CVJM-Haus ProChrist93 mit Billy Graham durchgeführt. Jeden Abend kamen ins CVJM-Haus ca. 600 Besucher.

 

3. Wie sieht es bei Dir mit Kontakt zum CVJM aus? War der schon als Kind vorhanden oder kam der Kontakt erst später?

Wie schon gesagt, gab es in meiner Heimat und Umgebung keinen CVJM, aber einen EC in Düsseldorf – und dann uns in Kaarst. Daher war mit aber vereinsgebundene Jugendarbeit aber immer sehr nah.

CVJM-Mitglied wurde ich dann in Langerfeld, um die Arbeit vor Ort zu unterstützen. Und bei meiner Einführung am 11. Juli 1993 hat mir Stefan Bingel als damaliger Vorsitzender des CVJM-Harscheid gleich die Mitgliedschaft in Harscheid angeboten, die wir auch als Familie angenommen haben.

4. Wie sieht es bei Dir und Familie aus? Bist Du ein Familienmensch?

Ja, sehr. Einmal, weil wir selbst 4 Kinder haben, die heute alle erwachsen und bis auf den letzten alle verheiratet sind.

Wir haben auch mittlerweile 5 Enkelkinder, die uns sehr wichtig und ans Herz gewachsen sind.

Wir haben früher besonders viel Wert auf schöne gemeinsame Familien-Urlaube gelegt, von denen die Kinder heute noch erzählen. Manchmal schaffen wir es auch heute, als „Großfamilie“ mit einem Teil der Kinder und ihrer Familien zusammen Urlaub zu machen, z.B. zum Angeln in Norwegen.

 

Elternhaus
Ev. Kirche in der Flexstraße (Langerfeld)
ProChrist'93
CVJM-Haus Langerfeld am Hedberg
Familienurlaub 1997 in Norwegen

5. Als Pfarrer musst Du ganz verschiedene Aufgaben machen. Da wird man als Mensch doch bestimmt auch ziemlich gefordert. Welche Aufgaben liegen Dir persönlich besonders gut und wo stößt Du vielleicht auch das ein oder andere Mal an Deine Grenzen?

Jeder Mensch hat seine Grenzen und keiner kann alles. Verwaltungsaufgaben sind nicht mein Steckenpferd, auch wenn sie dazu gehören.

Gern erzähle ich den Kindern im Kindergarten biblische Geschichten, bin immer gern auf Jugendfreizeiten gefahren – auch wenn das viel zusätzliche Arbeit und Anstrengung bei der Vorbereitung und der Durchführung mit sich brachte. Aber das hat mich meine Frau Christina auch immer sehr stark unterstützt. Ohne ihr Verständnis, ihre Mithilfe und Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen.

Da ich in meiner Jugend das Glück hatte, Gitarre spielen zu lernen, habe ich das  viele Jahre hier auch jungen Leuten gerne weiter gegeben und mich im Teenykreis engagiert.

Aber ich besuche auch gerne Menschen zu Hause oder treffe gerne Menschen zum gemeinsamen Austausch in Frauengruppen, im Männerkreis oder im Hauskreis.

Ich freue mich auch über jeden Gottesdienst, nicht nur den, den ich selbst zu halten habe. Es gehört für mich in die Nachfolge Jesu hinein, dass Menschen sich in seinem Namen treffen, ihn loben und preisen und sich ermutigen und korrigieren lassen durch sein Wort. Jesus selbst hat es uns vorgelebt und war jeden Sabbat in der Synagoge zu finden.

6. Auch Deine beiden Kollegen wurden zu Ihrem Theologie-Studium gefragt. Wie war es da bei Dir? Eher den Glauben stärkend oder manchmal auch eher den Glauben anzweifelnd/auf die Probe stellend?

Hm, wenn ich ehrlich bin, bin ich schon sehr kritisch ins Theologiestudium hinein gegangen.

Nach einer Zeltmission 1978 hatte ich den starken Drang, anderen Menschen auch den Weg zum Heil in Jesus zu zeigen. Da kam der Wunsch auf, in den hauptamtlichen Dienst zu gehen. Da war es noch nicht klar, ob das das Studium der Theologie an einer Universität werden sollte. Das kam später. Eigentlich zu spät! Als ich mich im Februar 1979 an der KiHo Wuppertal anmelden wollte, war ich der 151. Bewerber und 100 konnten sie nur annehmen. Auf wunderbare Weise und völlig überraschend  bekam ich im Juni dann doch die Zusage.

An erster Stelle stand aber immer meine Beziehung zu Jesus, dann das, was man im  Studium alles so hört und lernen muss. So konnte ich kritisch dem Lernstoff der Universität begegnen. Unterstützung fand ich dann im Albrecht-Bengel-Haus, da wir dort – für mich besonders durch Dr. Gerhard Maier – auch Argumente gelehrt bekamen, die man an der Universität gerne verschwieg oder unbeachtet ließ.

Grundsätzlich blieb aber meine Haltung die des Anselm von Canterbury: „credo ut intellegam“, d.h. „Ich glaube, um zu verstehen“ ; oder: der Glaube und die Beziehung zu Jesus zuerst, dann kann man auch vieles verstehen lernen.

Studium im Albrecht-Bengel-Haus
Rede als Studentensprecher im Sommer 1983

7. Da Du die Bibel ja quasi studiert hast, hast Du bestimmt auch eine Lieblingsgeschichte oder einen Lieblingsvers. Welche/r ist das und warum?

Es gibt viele Lieblingsverse. Einen hat mir mein Vikariats-Mentor, Pfr. Hans-Ludwig Slupina, auf vielen Karten und in so manches Buch geschrieben:

Josua 1,9:  Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist! Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

 

8. Wie tickst Du so in Deiner Freizeit? Eher sportlich, ruhig oder musikalisch? Oder noch ganz anders und ganz andere Hobbies?

Ich habe immer gern Musik gemacht, im Chor gesungen – schon nach meiner Konfirmation  -, spiele gerne Gitarre. Aber ich bin auch gern in der Natur, d.h. gehe gerne in den Garten, was auch ein guter Ausgleich ist.

 

9. Wenn man Deine Predigten hört, erzählst Du ja auch ab und zu mal etwas aus Deiner Kindheit. Von daher scheinst Du Dich ja noch gut daran erinnern zu können. Bei Michael war die Frage zwar nicht erfolgreich, vielleicht aber ja bei Dir: Welchen Berufswunsch hattest Du, als Du 10 Jahre alt warst? Ich tippe, Pfarrer war es nicht…

Richtig, Pfarrer war es nicht. Auch wenn unsere Familie sich immer zur Kirche gehalten hat, zum Gottesdienst gegangen ist, sich im Chor engagiert hat…oft bin ich Pfarrern begegnet, die keine Beziehung zu Jesus zu haben schienen, die nur politisch gepredigt haben. Allerdings gab es auch Ausnahmen, und diese haben mich geprägt.

Aber einen ausgeprägten Berufswunsch hatte ich mit 10 Jahren leider auch noch nicht. Ich durfte echt noch Kind sein und kann darum auf eine schöne Kindheit dankbar zurück blicken.

 

10. Wenn Du nicht in Deutschland wohnen würdest, sondern in einem anderen Land: Welches Land wäre das und warum?

Meine Mutter hat immer gesagt: Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Und sie hat recht. Es gibt viele schöne Länder der Erde, aber zu Hause ist es immer noch am besten!

 

11. Mal zurück zu Nümbrecht und unserer Gemeinde: Wie siehst Du es, dass wir jetzt schon seit Monaten Gottesdienste live streamen? Bewertest Du das eher als Chance oder als Risiko?

Am Anfang war das ja die einzige Möglichkeit, dass wir Gottesdienst feiern konnten. Und es war eine große Chance. Es haben ja nicht nur Menschen aus unsere Gemeinde unsere Gottesdienste gesehen, sondern sie waren weltweit zu sehen.

Aber dennoch besteht die Gefahr, dass viele jetzt aus Bequemlichkeit zu Hause bleiben. Dann bricht aber die lebendige Beziehung zur Gemeinde und die echte Begegnung unter Glaubensgeschwistern weg. Das finde ich schade.

 

12. Was hat Dir während der Corona-Pause am meisten im Gemeindeleben gefehlt?

Die Begegnung mit den Glaubensgeschwistern!

 

13. Zum Schluss, wie auch schon bei Michael, eine etwas andere Frage: Mit welcher historischen Persönlichkeit würdest Du gerne einmal zu Abend essen und warum?

Das ist keine leichte Frage. Paulus und Petrus werden wir hoffentlich mal im Himmel treffen und sie einiges fragen können. Aber da werden wir wohl nicht zum Abendessen zusammen sitzen müssen!?

Dietrich Bonhoeffer würde ich gern treffen und ihn fragen, wie es ihm ergangen ist in seiner Zeit. Ob viele Menschen seine von Anfang an kritische Haltung zum damaligen Staat verstanden und mitgetragen haben, oder ob er auf viel Unverständnis gestoßen ist und wie er für sich innerlich damit umgegangen ist.

14. Gibt es noch etwas, dass Du unserer Gemeinde für die letzten Monate des Jahres mit auf den Weg geben willst?

In dieser etwas schwierigen Zeit, in der wir um so weniger wissen, was kommen wird, ist mir ein alte Lied besonders wichtig geworden. Das würde ich uns gerne zur Ermutigung mitgeben:

 

1. Befiehl du deine Wege

und was dein Herze kränkt

der allertreusten Pflege

des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

gibt Wege, Lauf und Bahn,

der wird auch Wege finden,

da dein Fuß gehen kann.

8. Ihn, ihn lass tun und walten,

er ist ein weiser Fürst

und wird sich so verhalten,

dass du dich wundern wirst,

wenn er, wie ihm gebühret,

mit wunderbarem Rat

das Werk hinausgeführet,

das dich bekümmert hat.

 

Oder eben gleich das passende Wort Gottes dazu aus Psalm 37,5:

 „Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen!“

Vielen Dank an Ralf-Andreas Kliesch (oder einfach nur Ralf 😉 ) für das Interview und die interessanten Antworten! 🙂